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Bundesteilhabegesetz umsetzen und weiterentwickeln

symbolische Waage Im Rahmen des vom Deutschen Bundestag bewilligten und aus dem Partizipationsfonds des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales geförderten Projektes "Förderung der Partizipation und Selbstvertretung behinderter Menschen bei der Umsetzung und Weiterentwicklung des Bundesteilhabegesetzes" bietet das NETZWERK ARTIKEL 3 im folgenden Informationim zum Bundesteilhabegesetz und dessen Umsetzung.

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Man nennt es Diskriminierung

Von Ottmar Miles-Paul am 01.07.2020
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Jena (kobinet) Katja Arnecke hat sich vor einigen Wochen mit einer Kolumne mit dem Titel "Corona im Kopf" in den kobinet-nachrichten zu Wort gemeldet und sich mit dem Begriff der "Risikogruppe" auseinandergesetzt. In ihrer heutigen Kolumne beschreibt sie, welche diskriminierenden Auswirkungen die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe für sie selbst hat. Ihr wird die Teilnahme an einer Mutter-Kind-Kur deshalb verweigert.

Man nennt es Diskriminierung

Kolumne von Katja Arnecke

Ich bin mal wieder wütend. Wie schon so oft während dieser Pandemie. Gerade haben meine drei Kinder und ich eine Absage für unsere Mutter-Kind-Kur an der Nordsee in diesem Sommer erhalten. Schon vor Covid-19 fühlte ich mich reif für eine Kur. Aber jetzt – nach Monaten des Hin- und Hergerissen-Seins zwischen Arbeit und Home-Schooling, befasst mit der Betreuung eines Kleinkinds und einem Schub meiner Grunderkrankung – bin ich der Inbegriff eines kurbedürftigen Menschen.

Der Grund für die Absage: Das neue Hygienekonzept in Zeiten von Corona verlangt eine deutliche Reduzierung der Kurteilnehmer. Verstehe ich. Frauen und Kinder mit bestimmten Erkrankungen, außerdem Raucherinnen dürfen nicht kommen. Verstehe ich nicht. Sie nennen es Risikogruppen. Ich nenne es Diskriminierung.

Eventuell habe ich ein höheres Risiko, schwerer an Covid-19 zu erkranken. Niemand kann das genau wissen. Mein Immunsystem greift gelegentlich den eigenen Körper an, wer weiß, was ihm sonst noch so einfällt. Die Medikamente, die ich nehme, sollen mein Immunsystem in Schach halten – aber was sie im Falle einer Covid-19-Erkrankung anrichten, ist ungewiss.

Natürlich ist das so. Aber ich muss ja auch einkaufen gehen. Und ich muss mein Kind aus der Kita abholen. Außerdem fahre ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu meiner EUTB-Arbeitsstelle von Weimar nach Jena.

Niemand anderes ist für mein möglicherweise erhöhtes Risiko verantwortlich als ich selbst. Das wahrscheinlich geringe Risiko, mich während einer relativ abgeschotteten Mutter-Kind-Kur zu infizieren, hätte ich dafür in Kauf genommen. Und eines ist ja wohl hoffentlich klar: Ich stelle kein höheres Risiko für andere dar.

Natürlich sehe ich ein, dass es in dieser Pandemie größere Sorgen gibt als das Kurbedürfnis einer Mutter. Menschen, die auf Intensiv-Stationen liegen, Ärzt*innen, die um deren Leben kämpfen, haben zu Recht ein anderes moralisches Gewicht; ältere und behinderte Menschen wurden wochenlang in Einrichtungen „in Sicherheit gebracht“. Trotzdem finde ich es wichtig, auch die kleinen Dinge beim Namen zu nennen und auf Ungleichbehandlungen hinzuweisen. Und hätte man bestimmte Fragen nicht auch anders beantworten können? Hätte man zum Beispiel nicht auch die Frauen ohne Grunderkrankungen von der Kur ausschließen können? Ein neues Hygienekonzept sollte doch eigentlich dazu dienen, das Risiko von Infektionen insgesamt zu senken – es gibt hocheffektive FFP-Masken, die sowohl die Umgebung, als auch die Träger*innen selbst schützen. Man hätte zu Beginn eines Kurdurchgangs einen Covid-Test machen können – bevor man die Familien im Speisesaal aufeinander loslässt.

Stattdessen müssen jetzt die Frauen mit dem möglicherweise dringendsten Heilungs- und Erholungs-Bedürfnis zu Hause sitzen; die anderen dürfen Nordic Walking am Strand machen.

Vor einigen Wochen habe ich in einer Kolumne über das Thema „Risikogruppen“ sinniert – als es in Deutschland Tendenzen gab, den Lockdown möglichst schnell aufzuheben und sich stattdessen auf den „Schutz“ der gefährdeten Gruppen zu konzentrieren. Aber nun wird immer offensichtlicher, was sich unter dem Deckmantel dieses „Schutzes“ verbirgt: Der Ausschluss bestimmter Menschen vom gesellschaftlichen Leben. Damit andere unbesorgt ihren Latte Macchiato am Strand schlürfen können.

Ihr wollt uns schützen? Dann fragt uns doch mal, wie das am besten gehen könnte.

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