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Bundesteilhabegesetz umsetzen und weiterentwickeln

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Eine Reihe von Regelungen des Bundesteilhabegesetzes sind schon in Kraft getreten. Am 1. Januar 2020 folgen weitere. Im Rahmen des vom Deutschen Bundestag bewilligten und aus dem Partizipationsfonds des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales geförderten Projektes "Förderung der Partizipation und Selbstvertretung behinderter Menschen bei der Umsetzung und Weiterentwicklung des Bundesteilhabegesetzes" bieten wir Informationen zum Bundesteilhabegesetz und dessen Umsetzung.

 

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Viel los bei der EUTB in Hameln

Gesendet von Ottmar Miles-Paul am 10.08.2019
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Hameln (kobinet) Am 1. August konnte die ergänzende unabhängige Teilhabeberatung in Hameln ihr einjähriges Bestehen feiern. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul führte mit den Mitarbeiterinnen der EUTB folgendes Interview über die Highlights und Herausforderungen ihrer Beratungstätigkeit.

kobinet-nachrichten: Eure ergänzende unabhängige Teilhabeberatung arbeitet nun ja schon geraume Zeit. Wann habt ihr genau angefangen und wie sind eure ersten Erfahrungen?  

Melanie Siemens-Gerth: Tatsächlich haben wir am 1. August 2019 unser Einjähriges gehabt. Dieses Jahr ist so schnell vorbeigerauscht, dass wir es kaum fassen können. Wir wurden mit unserer Beratungsstelle sehr gut angenommen. Schon am ersten Tag: wir wurden gerade von unserem Chef begrüßt, stand der erste Ratsuchende schon vor der Tür. Eigentlich hatten wir gedacht, dass wir eine Art Eingewöhnungsphase haben würden. Eine Zeit, in der nicht so viel los ist. Das war eine Fehlannahme. Wir haben an einem Mittwoch angefangen und hatten schon in der ersten Woche drei Beratungen. Insgesamt hatten wir von August bis Dezember 2018 schon 213 Beratungsgespräche und für 2019 haben wir bis Ende Juli auch schon über 230 Gespräche geführt. Gerade, wenn man weiß, dass wir zwei Mitarbeiterinnen sind, die sich eine Stelle teilen, wird klar: Das ist echt viel!

Die Themen in der Beratung sind extrem vielfältig und genauso individuell wie jeder Mensch. Wir mussten (und müssen) uns auch immer wieder in Neues einarbeiten, recherchieren und dazu lernen. Gerade diese Vielfalt macht mir besonders Spaß, ich arbeite gerne mit Menschen und die Wertschätzung und Akzeptanz eines jeden in seiner Gesamtheit ist wichtig für mich. Ich glaube damit bin ich in der EUTB ganz gut aufgehoben.

Josina Starke: Ich muss auch sagen, dass das erste Jahr jetzt schnell vorbei gegangen ist. Wir haben so viel gemacht. Neben den vielen Beratungen auch die ganze Netzwerkarbeit im Landkreis. Wir sind wirklich viel zu den Einrichtungen getingelt und haben ein großes Netzwerk- und Infotreffen organisiert. Außerdem haben wir die ersten Peers gefunden und mit dem ersten Durchgang der Schulungen für die ehrenamtlichen Berater*innen begonnen. Das ist auch eine wirklich bereichernde Arbeit. Die nächsten Kandidaten für eine Peer-Schulung haben sich schon angemeldet. Es ist wirklich schön zu sehen, wie viele Selbst-Betroffene Lust haben, sich bei uns zu engagieren.

kobinet-nachrichten: Welche Highlights gab es für Sie in der Beratung? Konnten schon Erfolge für die Ratsuchenden erreicht werden? 

Josina Starke: Auf jeden Fall. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten und die Ratsuchenden sind schon glücklich. Es gibt aber auch richtige Highlights, auf die wir auch stolz sind. Schon zum Anfang unserer Zeit kam beispielsweise ein Mann zu uns, der auch schon bei anderen Einrichtungen bekannt ist. Von außen hieß es sofort: „Dem ist nicht mehr zu helfen“. Wir ließen uns davon nicht beeinflussen. Nicht einmal zwei Monate später ließ sich der Betroffene auf eine Ambulant psychiatrische Pflege ein (APP – für bis zu vier Monate kommt eine geschulte Betreuung zur Unterstützung nach Hause). Anschließend bemühte sich der Betroffene auf eigenen Wunsch um eine Unterstützung durch eine Einrichtung des ambulant betreuten Wohnens. Der Ratsuchende nahm sein Leben wieder in die Hand und kümmert sich um sich und seine Bedürfnisse. Er holt sich die Unterstützung, die er braucht. Auf eigenen Wunsch und aus eigener Kraft mit unserer Unterstützung. So was ist einfach toll mitzuerleben.

Melanie Siemens-Gerth: Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es oft scheinbar kleine Ereignisse sind, die ein echter Erfolg für die Ratsuchenden werden. Manchmal hilft es schon, einfach einen Überblich zu bekommen, damit man eine Grundlage für eigene Entscheidungen hat. Als Highlights könnte ich z.B. Beratungen bezeichnen, in denen ich Menschen helfen konnte, Ängste abzubauen und selbst aktiv zu werden, beziehungsweise sie dahin zu begleiten. So konnte ich z.B. einem Ratsuchenden helfen, der wegen seiner Arbeitsassistenz Probleme mit dem Integrationsamt hatte und große Ängste aufgebaut hatte. Wir hatten ein ausführliches Beratungsgespräch, um einen Termin mit dem Integrationsamt vorzubereiten und danach erschien ihm das bevorstehende Gespräch gar nicht mehr so bedrohlich. Hinterher rief er an und erzählte, dass es gar keine Schwierigkeiten gab, dass es ein guter Termin war und, dass alles geklappt hat. Eine andere Ratsuchende hatte Ängste in Bezug auf ihre Behinderung und das Jobcenter. Sie bekam ständig Bewerbungsvorschläge, die behinderungsbedingt gar nicht realisierbar waren. Wir haben gemeinsam einen Termin vereinbart, die Persönliche Ansprechpartnerin informiert, dass ich das Gespräch begleite und konnten dann gemeinsam ein gutes Gespräch führen und eine Lösung finden. Ich war nur unterstützend dabei, die Ratsuchende fühlte sich dadurch gestärkt und konnte das Gespräch ganz souverän selbst führen.

kobinet-nachrichten: Welche Rückmeldungen bekommen Sie auf Ihr Angebot von den Kund*innen bzw. anderen Institutionen? 

Josina Starke: Wir bekommen ganz viel positives Feedback. Allein die Tatsache, dass es uns gibt, ist für viele schon eine hilfreiche Unterstützung. Zu wissen, dass Sie mit allen Fragen der Teilhabe zu uns kommen könn(t)en, bestärkt sie schon. Immer wieder betonen die Ratsuchenden, wie wichtig für sie die Unabhängigkeit der Beratungsstelle ist. Wir erhalten dadurch schon einen Vertrauensvorschuss. Die Skepsis gegenüber Leistungsträgern und Leistungserbringern – teils auch aufgrund eigener negativer Erfahrungen – ist doch teilweise recht groß. Das ist wirklich unser großer Vorteil. Wir sind ein unabhängiger Verein, der allein für die EUTB-Beratungsstelle in Hameln gegründet wurde.

Die Zusammenarbeit auch mit anderen Institutionen im Landkreis funktioniert hervorragend. Wir hatten im Februar dieses Jahres ein großes Netzwerktreffen organisiert, an dem 50 Personen aus unterschiedlichen Einrichtungen aus dem Landkreis Hameln-Pyrmont, die mit Menschen mit einer Beeinträchtigung arbeiten, teilnahmen. Dadurch sind wir im Landkreis sehr bekannt und viele Institutionen empfehlen Ratsuchende an uns weiter. Wir werden als wichtige ergänzende Einrichtung wahrgenommen. 

Melanie Siemens-Gerth: Eine offene und wertschätzende Haltung ist uns wichtig. Wir suchen das Gespräch zu allen Seiten und wahren gleichzeitig unsere Position. Dass unser Verein eigens für die Teilhabeberatung gegründet wurde, sehe ich auch als großen Vorteil. Das stärkt unsere Unabhängigkeit enorm. Für mich persönlich war das der Grund, warum ich hier arbeiten wollte. Mich beeindruckt besonders, wie groß das Vertrauen der Betroffenen in uns ist. Wir haben es geschafft, eine gute Beziehung aufzubauen. Insbesondere zu Betroffenen im Landkreis. Es gab auch einige sehr berührende Momente, so kam z.B. ein Ratsuchender zwei Stunden nach der Beratung nochmal zu uns ins Büro. Er wollte einfach nur sagen, wie gut ihm das Gespräch getan hat, dass wir ihm helfen konnten neue Perspektiven zu finden und, dass er sich total ermutig und sogar inspiriert gefühlt hat. Das hat mich umgehauen.

kobinet-nachrichten: Wo hapert es zuweilen, bzw. wo sind Themen oder Punkte, wo die Betroffenen noch nicht zu ihrem Recht auf Teilhabe kommen?

Melanie Siemens-Gerth: Ich möchte gar keine konkrete Aufzählung machen. Tatsächlich gibt es an vielen Stellen Schwierigkeiten. Auch an Stellen, an denen man es nicht erwarten würde. Der Kern der Sache ist in meinen Augen, dass die Selbstbestimmung und Selbstermächtigung noch nicht in allen Köpfen angekommen ist. Sowohl bei Behinderten, als auch bei Nicht-Behinderten gibt es gedankliche Barrieren oder Unverständnis.

Es ist eine Haltungsfrage.

Es geht mir vor allem darum, ein Bewusstsein für Selbstbestimmung und Selbstermächtigung zu schaffen. Es ist ja schon ein erster Schritt, wenn Menschen überhaupt darüber nachdenken, dass ein Mensch mit Behinderung sehr wohl selbstbestimmen kann. Manchmal muss der Mensch mit Behinderung das selbst erst wahrnehmen und sich erlauben. Teilweise finde ich es erschreckend, wie wenig Menschen sich darüber klar sind oder wie übergriffig Nicht-Behinderte gegenüber Behinderten sind. Es gibt viel zu tun und das Beste ist, es zu kommunizieren, Transparenz zu schaffen – Miteinander.

Josina Starke: Ja, das sehe ich auch so. Auch ich bin manchmal erschrocken, an welchem Punkt ich in der Beratung anfangen muss. Sowohl die Betroffenen selbst, aber auch deren Eltern oder auch wenn ich mit Menschen kommuniziere, die Mitarbeitende in einem Bereich sind, die mit Menschen mit Behinderung arbeiten. Die Selbstbestimmung der*des Betroffenen fällt ganz oft hinten runter. Eltern oder Mitarbeitende meinen ganz oft, sie wüssten schon was „dem Behinderten“ gut tut. Gefragt wird die*der Betroffenen oft aber gar nicht. Es wird ihr*ihm nicht zugetraut, selbst zu entscheiden, manchmal sind es auch vermeintliche „Zeitgründe“ oder die „Fürsorge“ wird vorgeschoben. Diese Problematik müssen wir wirklich debattieren. Wir müssen aufklären.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche für die EUTB frei hätten, welche wären das? 

Melanie Siemens-Gerth: Ganz klar für mich: Die Entfristung und eine umfassende, solide, dauerhafte Förderung zu der die EUTBs einen einfachen und flexiblen Zugang haben.

Josina Starke: Die Förderung könnte auch noch ausgebaut werden. Wir könnten hier in Hameln tatsächlich mehr Personal gebrauchen. Wichtig neben der Beratung der Betroffenen in individuellen Fragen, ist es, durch Aufklärung in Form von Gruppenveranstaltungen zum Beispiel in Institutionen, die Menschen in ihrer Selbstbestimmung und –ermächtigung zu bestärken. 

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview

Kontakt: Unabhängige Teilhabeberatung Hameln-Pyrmont e.V. (UTHP), Familie im Zentrum (FiZ), Osterstraße 46, 31785 Hameln, Tel. 05151 – 407 91 78, E-Mail: beratung[at]uthp[dot]de, Internet: www.uthp.de

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